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Spielzeitauftakt 2022/23 | Foto: © Mirka Pflüger

Spielzeitauftakt 2022/23 „Falstaff“

Kulinarische Sinnlichkeit

Spielzeiteröffnung in der Komischen Oper mit Barrie Koskys Inszenierung des „Falstaff“

Die Ouvertüre beginnt, Falstaff steht in einer modernen Küche, bereitet pfeifend liebevoll etwas zu essen. Das wird schmecken - man ahnt es, man riecht es. Von Anfang liegt ein Hauch von Knoblauch in der Luft. Und nicht nur die Nase, auch für Augen und Ohren ist Verdis „Falstaff“ in der Inszenierung von Barrie Kosky ein sinnliches Fest.

Sir John Falstaff (großartig gesungen und gespielt von Scott Hendricks) ist ein in die Jahre gekommene Ritter, der die Spuren seiner – nicht nur kulinarischen – Ausschweifungen mit Stolz trägt. Er hält sich für unwiderstehlich und glaubt zwei Damen erobern zu können. Zusätzlich hofft er, dass deren betuchte Ehemänner auch für seine Schulden aufkommen werden …

Weit gefehlt, Falstaff ist weniger betörend, als er denkt, die Damen sind weitaus smarter, als er glaubt. Eine Rachekomödie nimmt ihren manchmal etwas derben Lauf. Falstaff verliert in all seiner Überheblichkeit zwar an Würde, nicht aber an Liebenswürdigkeit. Er ist ein Genussmensch, der fähig ist, über sich selbst zu lachen.

Mit Giuseppe Verdis letzter Oper „Falstaff“ eröffnete die Theatergemeinde am 15. Oktober die neue Spielzeit in der Komischen Oper. Ein Auftakt voll kulinarischer Sinnlichkeit – in den Umbaupausen werden Rezepte verlesen, die die Inszenierung in Vorspeise, Hauptgang und Dessert unterteilen. Sie lassen das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Falstaff macht sich schön: er trägt einen Anzug dessen Muster dasjenige der Tapete wiederaufnimmt, er setzt eine Perücke nach der anderen auf und stellt sich dennoch dämlich an bei der geplanten Eroberung der retten-sollenden Schönen. Wer schreibt schon einen wortgleichen Liebesbrief gleichzeitig an zwei Freundinnen? Mit vollendeter Harmonie planen diese Freundinnen nebst zwei Verbündeten vergnüglich ihre Rache, befördern den altgewordenen Ritter in einem Wäschesack in die Kanalisation, überreden ihn, sich Hörner aufzusetzen und als lächerliche Figur in einem Geisterwald zu erscheinen – am Ende jedoch sind sie zur Versöhnung bereit.

Denn versöhnlich endet die Komödie mit einer Doppelhochzeit und der Titelheld singt im großartigen Schlusschor gemeinsam mit allen anderen: „Die Welt ist ein Narrenhaus und der Mensch als Narr in sie hineingeboren“. Wer hier lacht, lacht auch über sich selbst.

Nach der Aufführung traf man sich bei Sekt und Fingerfood im Rangfoyer der Oper und es wurde kontrovers diskutiert. Die einen lobten die beschwingte Leichtigkeit des Dargebotenen, anderen war es an manchen Stellen zu viel Klamauk. Doch dass dieser Falstaff mehr war, als eine lächerliche, alternde Figur, darüber war man sich einig. Barrie Kosky drückte es in einem Interview so aus: „Falstaff ist für mich vor allem eines nicht: Ein Mann im Fatsuit, mit roter Nase und Rauschebart! Bevor man überhaupt darüber nachdenkt, welches Kostüm Falstaff trägt, sollte man darüber sprechen, wer er ist: Dieser Mann liebt den Wein, er ist dem Genuss verfallen und er verehrt das weibliche Geschlecht. In Zeiten von MeToo ist es wichtig zu sagen, dass Falstaff keinesfalls ein Vorgänger von Harvey Weinstein ist, er ist kein Don Giovanni und auch kein Baron Ochs. Falstaff ist Romantiker und Genussmensch.“

Susanne Moser, Co-Intendantin der Komischen Oper, begrüßte die Mitglieder der Theatergemeinde, beschrieb das gute Miteinander mit der TG und erinnerte an das letzte gemeinsame Fest, an die Verleihung des Publikumspreises Anatevka im Jahr 2019. Auch gab sie einen Ausblick auf die kommende Spielzeit und versicherte, dass es auch nach dem Ende der Intendanz von Barrie Kosky weiterhin pro Saison zwei Inszenierungen von ihm geben werde.

Erich Ergang, der Vorsitzende der Theatergemeinde Berlin, dankte ebenfalls für die gute Zusammenarbeit mit der Komischen Oper. Er erinnerte an die letzte Saisoneröffnung, die gemeinsam gefeiert werden konnte, an den „Menschenfeind“ im Deutschen Theater. Ein halbes Jahr nach diesem Ereignis habe Corona fast alles lahmgelegt, so Ergang. Er betonte die Tatsache, dass die Mitglieder der Theatergemeinde auch in diesen schwierigen Zeiten die Treue gehalten haben. "Kultur ist nicht alles, aber ohne Kultur ist alles nichts“ - so beendete er seine Rede.

Renate Reimers