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Foto: © Bresadola/drama-berlin.de

Die (s)panische Fliege ist Aufführung des Jahres 2011/12

Die Mitglieder der TG Berlin haben die Inszenierung „Die (s)panische Fliege“ der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zur „Aufführung des Jahres“ der Spielzeit 2011/12 gewählt. Die Preisverleihung fand am 03. Februar 2013 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz im Anschluss an die Vorstellung statt.

Die (s)panische Fliege von Franz Arnold und Franz Bach wurde inszeniert von Herbert Fritsch. Es spielen Wolfram Koch, Sophie Rois, Mandy Rudski, Hans Schenker, Inka Löwendorf, Werner Eng u. a.

Die (s)panische Fliege - Die Klamotte als poetisches Gleichnis

Verleihung der Auszeichnung Aufführung des Jahres an Die (s)panische Fliege

Sie turnen und springen und schweben wieder. Die Schauspieler, die Herbert Fritsch aus den Fesseln des Konzept-Theaters zu den Ursprüngen reinen Spiels befreit hat. In den genialen, den Wilhelminismus parodierenden Kostümen von Victoria Behr flattern, taumeln, fallen sie wie bunte Schmetterlinge über den falschen Perserteppich, der sich in Wellen die Brandmauer der Volksbühne hochkräuselt. Er ist einfach zu groß. Wie manches Ego in der erweiterten Berliner Fabrikanten-Familie Klinke, die uns das Autoren-Duo Arnold und Bach in seinem vor genau 100 Jahren uraufgeführten Schwank „Die spanische Fliege“ vorführt. Unter dem sittenstrengen Diktat der Hausherrin Sophie Rois, die mal mit Adele-Sandrock-Bass donnert, mal lieblich piepst, verheddern sich ihre Mitglieder in dem, was wir heute „political correctness“ nennen. Auch der selbstgenügsame „Mutterschutz“ bekommt in Gestalt der begriffsstutzigen Philanthropin mehr als nur eine Breitseite ab. Ein Schelm, wer an die Anfänge des Feminismus dabei denkt.

Die Mitglieder der TheaterGemeinde jedenfalls haben Fritschs (S)panische Fliege vor Sönke Wortmanns Elternabend-Report „Frau Müller muss weg“ (Grips-Theater) und Stefan Herheims Liebeserklärung an das Barocktheater „Xerxes“ (Komische Oper) zur Aufführung des Jahres 2011/12 gewählt und ihr anlässlich der Preisverleihung vor wie immer hoffnungslos ausverkauftem Haus einen triumphalen Empfang bereitet. Harald Engler vom Vorstand der TheaterGemeinde Berlin drohte in seiner Laudatio eine zweistündige germanistische Aufführungsanalyse an, die natürlich ausblieb und benannte damit ironisch genau das, was Fritschs Theater jedem Zuschauer selbst überlässt: Den doppelten Boden unter der zirzensischen Oberfläche zu entdecken. Der artig wie ein „Feuerzangenbowlen“-Primaner danebenstehende Fritsch - extra zur Preisverleihung aus Zürich angeflogen, wo er Peter Eötvös’ Tschechow-Oper „Drei Schwestern“ inszeniert - nahm den Ball auf und verriet, auch er habe eine einstündige Danksagung vorbereitet. Das war Wolfram Kochs Stichwort: Der Darsteller des panischen Mostrich-Fabrikanten („Ick leg mich lang!“) gab ein Da capo seiner Aktenordner-Jonglage, die das Redemanuskript allerdings nicht zutage förderte, sodass Fritsch als Vollblut-Komödiant unter Drohgebärden seines Ensembles (in seinen Rollen) acht Minuten über die Themen „Wie zähme ich ein störrisches Mikrophon“ und „100 Arten, Danke zu sagen“ improvisierte.

Das enthusiastische Publikum erlebte so live, wie der von Engler als „Hoffnung des deutschen Stadttheaters“ titulierte, „über 60-jährige Jungregisseur“ inszeniert: Aus der Improvisation, aus dem Ensemblegeist, aus dem untrüglichen Instinkt für das körperlich-komödiantische Potenzial seiner Darsteller, die „selbst Nebenrollen zu Hauptrollen aufwerten“ (Engler).

Diese Darsteller und ihr Regisseur konnten sich auf dem Empfang vor Komplimenten der Mitglieder der TheaterGemeinde nicht retten, die sich schon auf Fritschens nächsten Berliner Streich, „Frau Luna“, freuten. Von „atemberaubend akrobatisch“ über „unvergesslich“ bis „Jahrhundertaufführung“ reichten die Reaktionen. Am meisten berührte Fritsch aber das Lob eines blinden Mitglieds der TheaterGemeinde seit 1977, das enthusiastisch hervorhob, die „Sprachmasken“ jeder einzelnen Figur seien so präzise und variantenreich gezeichnet gewesen, dass er jedes Detail der Inszenierung verstanden habe. Boris Kehrmann